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Mehr Prävention braucht mehr Forschung: Warum „Kneipp“ derzeit niemanden kalt lässt

Schon im 19. Jahrhundert stellte Sebastian Kneipp eine Frage, die bis heute nichts von ihrer Relevanz verloren hat: Wie bleiben Menschen möglichst lange gesund? Seine Antwort war ein ganzheitliches Gesundheitskonzept aus Wasseranwendungen, Heilpflanzen, ausgewogener Ernährung, Bewegung und Lebensordnung. Viele seiner Grundprinzipien finden sich heute in den Empfehlungen der modernen Präventionsmedizin und internationaler Gesundheitsstrategien wieder. Die eigentliche Herausforderung unserer Zeit besteht längst nicht mehr darin zu wissen, was Gesundheit fördert – sondern dieses Wissen dauerhaft in den Alltag zu bringen. Genau hier setzt die Kneippbewegung seit über 150 Jahren an.

Mit rund 30.000 Mitgliedern in österreichweit rund 200 Kneipp Aktiv-Clubs zählt der Österreichische Kneippbund zu den größten Gesundheitsbewegungen Österreichs. Ein Großteil dieser wertvollen gemeinnützigen Gesundheitsarbeit wird mit großem persönlichem Engagement ehrenamtlich getragen – in Bewegungsgruppen, Wanderungen, Gesundheitskursen, Vorträgen und zahlreichen regionalen Initiativen. Gesundheit beginnt nicht erst in der Arztpraxis – sie entsteht jeden Tag im Alltag. Genau darin sieht der Österreichische Kneippbund auch heute seinen Auftrag: Menschen dabei zu begleiten, ihre Gesundheit aktiv, eigenverantwortlich und gemeinschaftlich zu stärken.

Das Element „Kneippen als traditionelles Wissen und Praxis nach der Lehre Sebastian Kneipps“ ist seit 2020 im nationalen Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes der UNESCO-Kommission in Österreich und Deutschland eingetragen. Diese Anerkennung würdigt nicht medizinische Wirksamkeitsnachweise, sondern den gesellschaftlichen und kulturellen Wert eines über Generationen weitergegebenen Gesundheitswissens.

Forschungslücken sind kein Urteil über Kneipp

Dr. Regina Webersberger ist Allgemeinmedizinerin, Kneipp-Ärztin und Präsidentin der österreichischen Gesellschaft für Kneipp-Medizin und traditionelle europäische Medizin.
Dr. Regina Webersberger ist Allgemeinmedizinerin, Kneipp-Ärztin und Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kneipp-Medizin und traditionelle europäische Medizin.

Nicht zuletzt deshalb haben kürzlich veröffentlichte Medienberichte, in denen über eine systematische Übersichtsarbeit zur klinischen Beweislage der Kneipp-Medizin berichtet wurde, hohe Wellen geschlagen. Die Forschenden haben in ihre Arbeit nur eine einzige den höchsten qualitativen Ansprüchen genügende Studie aufgenommen. Die restlichen 76 Studien, die geprüft wurden, sahen sie als wenig aussagekräftig an, obwohl sich dort etliche Hinweise für positive Effekte von Kneippanwendungen finden. Doch fehlende Evidenz ist kein Beweis fehlender Wirkung, was auch ein in dieser Forschungsarbeit zitierter wichtiger methodischer Grundsatz der Wissenschaft besagt („Absence of evidence is not evidence of absence.“). Gerade bei komplexen Gesundheitskonzepten wie Kneipp sind Studiendesigns der evidenzbasierten Medizin schwierig, wie auch Dr. Regina Webersberger, Präsidentin der Österreichischen Gesellschaft für Kneippmedizin und TEM, bestätigt. Hinzu kommt, dass es für Wasseranwendungen, Bewegung oder Ernährung keinen Patentschutz gibt. Entsprechend fehlen häufig wirtschaftliche Anreize für groß angelegte klinische Studien. Die vergleichsweise geringe Zahl hochwertiger Untersuchungen ist daher auch Ausdruck struktureller Rahmenbedingungen der Forschungsförderung. Regina Webersberger: „Das Kneippen ist ein ganzheitlicher Ansatz, der mit den wissenschaftlichen Methoden, die derzeit verfügbar sind, NOCH nicht ausreichend erfassbar ist. Ein üblicher Studienaufbau, der für die Feststellung der Wirksamkeit von Medikamenten gedacht ist, passt nicht für die komplexen Kneipp-Maßnahmen.“

Studien zeigen positive Effekte der Kneipp-Therapie

Die wissenschaftliche Forschung zu einzelnen Elementen des Kneipp-Programms entwickelt sich kontinuierlich weiter. Für Hydrotherapie, Bewegung, Ernährung und weitere Bestandteile liegen bereits hochwertige Studien mit positiven Ergebnissen vor. Gleichzeitig besteht Einigkeit darüber, dass weitere Forschung sinnvoll und notwendig ist. Die Studien sind öffentlich und unentgeltlich zugänglich und etliche davon auf der Webseite von Kneipp Worldwide nachzulesen (https://www.kneippworldwide.org/aktuelles/forschung/). So kam etwa ein systematischer Review der Ludwig-Maximilians-Universität München bereits 2020 zu dem Schluss, dass die Kneipp-Therapie bei verschiedenen Beschwerdebildern positive Effekte erkennen lässt, zugleich aber weitere methodisch hochwertige Studien erfordert. Auch die einzige in der aktuellen Übersichtsarbeit eingeschlossene explorative Studie berichtet über positive Langzeiteffekte hinsichtlich Schmerzreduktion und Lebensqualität bei Patientinnen und Patienten mit Arthrose. Aufgrund der kleinen Teilnehmerzahl lassen sich daraus wissenschaftlich keine endgültigen Schlussfolgerungen ziehen.

Für Ulrike Herzig, Vorsitzende des Verbands der Heilmasseure und med. Kneipp-Bademeister, ist ebenfalls klar, dass der Körper von Kneippanwendungen profitiert: „Zur Hydrotherapie gibt es durchaus aussagekräftige Studien. Kleine Reize regen den Körper zu einer Reaktion an. Die eigenen Kräfte des Körpers werden so mobilisiert und durch regelmäßiges Training gestärkt.“ Gleichzeitig verweist sie darauf, dass die Hydrotherapie nur eine von fünf gleichwertigen Säulen des Kneipp-Konzepts ist. Neben Wasseranwendungen zählen auch Heilpflanzen, ausgewogene Ernährung, Bewegung und Lebensordnung zum ganzheitlichen Präventionsprogramm.

Forschung und Erfahrung gemeinsam weiterdenken

Georg Jillich © Österr. Kneippbund_Sophia Eerden
Georg Jillich © Österr. Kneippbund_Sophia Eerden

Der Österreichische Kneippbund begrüßt die aktuelle wissenschaftliche Diskussion ausdrücklich. Sie macht sichtbar, wie wichtig hochwertige Forschung zu komplexen Lebensstil- und Präventionskonzepten geworden ist. Ziel muss es sein, bestehende Forschungslücken zu schließen und den Nutzen ganzheitlicher Gesundheitskonzepte mit wissenschaftlichen Methoden weiter zu evaluieren.

Kneippbund-Präsident Mag. Georg Jillich sieht große Parallelen zur Longevity-Forschung: „Die aktuelle Übersichtsarbeit zeigt vor allem eines: Wir brauchen mehr Forschung zu komplexen Präventions- und Lebensstilkonzepten. Daraus abzuleiten, Kneipp sei unwirksam, wäre wissenschaftlich nicht gerechtfertigt. Prävention, Eigenverantwortung und ein gesundheitsbewusster Lebensstil sind heute wichtiger denn je und bilden seit jeher den Kern der Kneipplehre.“

Kneippen bleibt damit ein seit Generationen bewährtes Konzept der Gesundheitsförderung. Es versteht sich nicht als Ersatz moderner Medizin, sondern als deren wichtige Ergänzung. Wer sich regelmäßig bewegt, gesund ernährt, Wasseranwendungen nutzt, Heilpflanzen sinnvoll einsetzt und auf eine ausgewogene Lebensführung achtet, stärkt seine Gesundheitskompetenz und übernimmt Verantwortung für die eigene Gesundheit. Damit leisten die vielen Kneipp-Anwenderinnen und Kneipp-Anwender zugleich einen wichtigen Beitrag dazu, Erkrankungen vorzubeugen und das Gesundheitssystem nachhaltig zu entlasten. Prävention ist keine Alternative zur Medizin – sie ist ihre unverzichtbare Partnerin.

Die aktuelle Studie macht vor allem deutlich, dass nicht die Kneipplehre wissenschaftlich widerlegt wurde, sondern dass hochwertige Forschung zu komplexen Präventionskonzepten weiterhin ausgebaut werden muss.

Kneipp mit Begeisterung gelebt – Auszeichnung für den Naturpark-Kindergarten Kauns